Warum Tränen ein Geschenk sind
Aus der Trauer zu neuem Lebensmut
Am Samstag, 11. Juli, waren Trauernde und alle, die nach Hoffnung suchen, zu einem besonderen Erzählabend in die St.-Andreas-Kirche in Offenburg eingeladen. Geschichten ergänzten sich mit Musik, gespielt von der Klezmergruppe "Le Chajim".
Wer durch Tränen und Trauer hindurchgegangen ist, kann wieder Freude und Lebenssinn finden, das war die Botschaft des Abends. Menschen in Trauer und andere Interessierte konnten bei Geschichten, Klezmermusik, Tango und Folkmusik Spuren der Hoffnung entdecken. Eingeladen hatte die Citypastoral zusammen mit Stephan Thüsing, Pastoralreferent der Kirchengemeinde Mittlere Ortenau, begeisterter Erzähler und Klarinettist bei der Musikgruppe “Le Chajim“.
Thüsing, Christl Subiabre aus Schongau und Leni Leitgeb aus Brixen erzählten Geschichten von schweren Schicksalen, heilenden Tränen und neuem Lebensmut, eingebettet in passende Musik.
Klezmermusik ist eine aus dem aschkenasischen Judentum stammende Volksmusik mit eigener Tonalität, die nicht nur von tiefer Melancholie, sondern auch von überschwänglicher Lebensfreude zeugt. Die Klezmergruppe mit Rolf Lehmann (Gitarre), Wolfram Ehret (Akkordeon und Piano), Andrea Fischer (Gesang und Querflöte) ist in der Region durch berührende Auftritte bekannt.
Das Lied der Dankbarkeit
„Alles, was einen großen Eindruck macht, braucht auch einen Ausdruck“, erklärte Thüsing, deshalb sei es gut, die Tränen fließen zu lassen und den schweren Trauerweg zu gehen.
Zum Auftakt erklang der Psalm 34,13-15 in der, der jiddischen Klezmermusik eigenen, sehnsuchtsvollen Tonart „Ahava Raba“, was übersetzt heißt: „Große Liebe“. Er ist zugleich ein jüdischer Segensspruch, in dem für die große Liebe Gottes gedankt wird. Thüsing erzählte von einer Königin, die sich nach dem schmerzhaften Verlust ihres Mannes und ihres Kindes in ihrer Burg einigelt. Als sie eines Morgens vom Gesang eines Vogels angerührt wird, lässt sie die Frage nicht mehr los: „Welches Lied singt mir der Vogel nach der dunklen Nacht?“ Es ist das Lied der Dankbarkeit für die Großartigkeit des Lebens, die allmählich den Stein in ihrem Herzen schmelzen lässt. Dazu spielte die Musikgruppe „Gracias a la Vida“ (spanisch: Dank dem Leben), ein Folksong der Chilenin Violeta Parra aus dem Jahr 1966 – es war das letzte Lied vor ihrem Tod.
Wende am tiefsten Punkt
Nach dem Musikstück ließ Christl Subiabre mit einem irischen Märchen die Zuhörer an Myrnas Leben teilhaben. Diese lebt mit ihrem geliebten Mann vom Harfenspiel, der Liebe und dem Fischfang. Als ihnen ein Sohn geschenkt wird, ist das Glück perfekt. Doch es zerschellt an einem Riff. Und wie so oft im Märchen, wendet sich das Schicksal am tiefsten Punkt. Die Elfenkönigin erscheint und lehrt Myrna, dass der Blick auf andere Notleidende auch dem eigenen Leben Sinn verleihen kann.
Wie ein Nachruf auf einen lieben Menschen erklangen die zu Herzen gehenden Verse des Liedes „Ich wünsch‘ dir gute Reise, wohin es dich auch trägt“. Es ist Ausdruck tiefsten Schmerzes: „Ich weiß, Du wirst mir fehlen mein ganzes Leben lang.“
Das Geschenk der Tränen
Auf das Geschenk der Tränen verweist ein elsässisches Märchen, erzählt von Leni Leitgeb: Wie bei Schneewittchen erscheinen drei gute Feen an der Wiege des Neugeborenen. Sie bringen Schönheit, Reichtum und – Tränen. Doch dieses Geschenk ist unerwünscht, denn die Eltern - wer kann es ihnen verdenken - wollen ihr Kind vor Kummer und Schmerz bewahren. Doch das erweist sich als Bumerang: Die Tochter wächst heran, wird von Tag zu Tag schöner, vermählt sich mit einem reichen Grafen – doch echtes menschliches Gefühl kann sie nicht ausdrücken. Bis die Fee erneut vorbeikommt, das Tränenkästchen öffnet und damit alles zum Besseren wendet.
Berührende Musik
Beim anrührenden „Tears in heaven“ von Eric Clapton, zum Tod seines vierjährigen Sohnes komponiert, wurden manchem die Augen feucht. Zum Ausklang erinnerte das jiddische Märchen von Awremel an die Würde jedes Menschen, unabhängig von seinem Beruf, und erzählte von einer ungewöhnlichen Freundschaft, die bis in den Himmel wirkt. Nach einem letzten Musikstück mit mitreißendem Schwung spendeten die Zuhörer langanhaltenden Applaus.
