22.06.2026 |
Kehl beging mit Erzbischof Stephan Burger den Weltflüchtlingstag
Kehl. „Hier seid Ihr willkommen“, das war die Botschaft Kehls zum Weltflüchtlingstag, der am Freitag, 19. Juni, rund um die Friedenskirche feierlich begangen wurde.
An der Gestaltung des ökumenischen Gedenkgottesdienstes zum Weltflüchtlingstag wirkten die Landesbischöfin Heike Springhart, Erzbischof Stephan Burger und auch Geflüchtete mit.
Unter dem Motto „Beim Namen nennen“ luden das Diakonische Werk, die Caritas, die Kehler Flüchtlingshilfe sowie die katholischen und evangelischen Kirchengemeinden in Kehl am Vortag des Weltflüchtlingstags zum Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung nach Kehl ein. Tausende von Bändern in und vor der Friedenskirche erinnerten an all die Menschen, die auf der Flucht nach Europa umgekommen sind. Seit dem Jahr 1993 zählt das Netzwerk UNITED for Intercultural Action über 72.000 Opfer.
„Hinter jeder dieser Zahl verbirgt sich ein Name und ein Mensch mit Hoffnungen, Träumen und einem Schicksal“, betonte Kehls Sozialbürgermeister Thomas Wuttke bei der Gedenkfeier auf dem Marktplatz. „Es sind Menschen wie Du und ich.“ In Kehl leben aktuell 884 Flüchtlinge aus der Ukraine, rund 10.000 Menschen seien ohne Deutsche Staatsbürgerschaft. Eine Belastung? Wuttke sieht das anders: „Wir wissen, dass uns die Vielfalt unendlich bereichern kann.“ Und an die Flüchtlinge selbst gewandt sagte er: „Ihr seid hier willkommen!“
Grundrecht in Gefahr
Die Willkommenskultur bröckelt, was nicht zuletzt an der Verschärfung des europäischen Asylrechts durch den Bundestag spürbar wurde. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion kritisierten Erzbischof Stephan Burger und Landesbischöfin Heike Springhart die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. „Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar“, betonte Erzbischof Burger. „Doch wir erleben, dass man politisch an diesem Grundrecht kratzt. Das dürfen wir nicht hinnehmen.“ Landesbischöfin Springhart bezeichnete es als hochproblematisch, dass einst eingerissene Grenzen wieder hochgezogen werden. Daneben lebten in Deutschland immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, die sich bedroht fühlten. „Keine Demokratie ist sicher vor Hass und Hetze“, mahnte sie.
Dass es sich bei Flüchtlingen um keine Naturkatastrophe handelt, wie in den Worten „Flut“, „Welle“ oder „Strom“ impliziert wird, sondern um Menschen in höchster Not, die Hilfe und Solidarität bedürfen, bezeugten am Freitag die Bändergirlanden, die von den einzelnen Personen und ihren Todesursachen erzählten. Viele Kehler, darunter auch Schulklassen, hatten die Bänder beschriftet.
Nicht "die da", sondern Namen
Bis zur Gedenkveranstaltung widmete sich auch Angelika Dierkes-Kaever ebenfalls dieser Aufgabe. „Von den Schicksalen zu lesen, das fährt in den Körper“, erzählte sie. Doch sie wolle dazu beitragen, mit dem Mahnmal Menschen zu berühren. „Es ist doch so, dass viele von uns selig essen, während der Fernseher Menschen zeigt, die gerade krepieren“, ist ihre Erfahrungen. Was da passiere, sei weit entfernt. Wer sich jedoch mit den Betroffenen beschäftige, könne nicht mehr „die da“ sagen. Und vielleicht werde er dann sensibler auf fremdenfeindliche Strömungen im eigenen Land.
Im ökumenischen Gedenkgottesdienst sprachen Zahra aus Afghanistan und Sascha aus der Türkei von ihren eigenen Fluchterfahrungen – von den Bedrohungen im eigenen Land, den Risken auf der Flucht und der Trauer darüber, dass Familie und Freunde zurückgelassen werden mussten. Doch die beiden hatten Glück: Sie haben Schutz gefunden. Die Gemeinde gedachte auch der vielen Frauen, Männer und Kinder, die ihr Ziel nie erreicht haben: Menschen, die im Meer ertranken, an Klippen zerschellten, erschossen wurden oder sich in Lagern verzweifelt das Leben nahmen. Viele Menschen sind verschollen und existieren nur noch als Nummer. Erzbischof Burger betonte: „Bei Gott sind auch die Menschen nicht vergessen, deren Namen wir nicht kennen.“
Begegnung und Austausch
Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher befestigten weitere Bänder an den Seilen. Jedes Band ein Mensch, der auf der Flucht nach Europa zu Tode kam.
Zum Abschluss des Tages durfte sich jede und jeder ein Band nehmen und es an den Seilen befestigen. Dazu trugen Nirov Xelil und Band ergreifende kurdische Weisen vor. Weltmusik wurde zuvor auch bei der Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz gespielt, bei der Flüchtlinge den Besucherinnen und Besuchern Kaffee und selbstgebackene Spezialitäten aus ihrer Heimat anboten. Die Caritas Vorderes Kinzigtal, das Diakonische Werk und Gruppierungen, die sich für die Flüchtlinge und den Frieden engagieren, luden zum Gespräch ein, und auch die Bischöfin und der Bischof nutzten die Gelegenheit, mit den Akteuren und Geflüchteten in Austausch zu kommen.
Die Katholische Kirche Deutschland hat im vergangenen Jahr rund 83 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe in die Hand genommen. Rund 5000 Hauptamtliche und 34.000 Ehrenamtliche waren bei Projekten im In- und Ausland engagiert. „Die Flüchtlingsursachen lassen sich am besten dort bekämpfen, wo die Menschen leben“, betonte der Erzbischof. Daher unterstützt die Kirchengemeinschaft unter anderem die Bildung und medizinische Versorgung in Krisenländern. „Wir übernehmen Verantwortung“, sagte Erzbischof Stephan Burger. „Und das erwarten wir auch von der Gesellschaft.“